Everquest-Retro-Tagebuch: Tag 1 bis 5

sentenza
Wer mich emsig auf Twitter verfolgt, weiß es ohnehin schon: Meine Everquest-Viertkarriere ist seit meiner Rückkehr vor wenigen Tage in vollem Gange. Täglich erfreue ich mich an dem süchtig machenden diiing und biing-Sound neue erworbener Level und AA-Points, die mir geradezu zuzufliegen scheinen.
Doch das war nicht immer so. Früher, in sehr grauer Vorzeit (Leser meiner Mainseite wissen, dass ich Everquest bereits 1999 zum ersten Mal betrag), war das Geschäft mit Mob noch um einiges schwieriger und nervenaufreibender. Aber auch deutlich spannender: Selten konnte mich ein Spiel zu solchen Wutausbrüchen treiben wie dieses, kaum ein anderes Spiel erzeugte aber auch derartige Glücksmomente.
Bei Everquest lagen Freud’ und Leid’ also schon immer eng beinander und all dies verarbeitete ich Beizeiten in einem Tagebuch, das ich euch zu Ehren meiner Reaktivierung in mehreren Teilen präsentieren möchte: Jeden Mittwoch, nennt es meinetwegen der Everquest-Tagebuch-Mittwoch, stelle ich einen Auszug aus diesem Journal vor – völlig ungeschminkt und genauso unschuldig wie ich die Situation damals eben empfunden habe.

Früher war alles härter

Anzumerken wäre grundsätzlich noch, dass es zwischen dem Everquest von damals und jenem, das den Spielern heute zur Verfügung steht, doch deutliche Unterschiede gibt.
So verlor man in den Anfangstagen nach jedem seiner Tode die komplette Ausrüstung und musste diese mühevoll aus zum Teil sehr gefährlichen Dungeons bergen. Die Welt war zudem riesig groß und die einzige Möglichkeit, auf bestimmte Kontinente zu gelangen, war entweder der Weg zu Fuß und per Schiffsfahrt – ein überaus langwieriger Prozess. Schneller ging es per Druide oder Wizard – aber die Jungs machten natürlich aus dieser Not ein Geschäft und verlangten horrende Preise. In der heutigen Zeit gibt es quasi zu jedem wichtigen Ort einen Teleporterstein, der eben jene Klassenteleports fast schon wieder obsolet macht.
Wer das Pech hatte, zu oft zu sterben, verlor neben seinen EXPs eventuell noch sein Level und damit dummerweise sogar die Möglichkeit, bestimmte Zaubersprüche zu verwenden – das ist allerdings auch heute noch so. Wer sich verlief, hatte einfach Pech, denn Automap gab es damals nicht (heute schon) und da der Spieler nicht einmal die ungefähre Himmelsrichtung ermitteln konnte, ohne vorher kräftig den Skill Sense Heading geübt zu haben, lief man in großen Gebieten auch gerne mal im Kreis.
Wer die folgenden Zeilen liest, sollte also stets im Hinterkopf behalten: So schwierig und unhandlich Everquest im Vergleich zu Casual-MMORPGs wie WoW und Co. auch wirken mag, so ist das doch alles Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was die Spieler damals erleiden und erarbeiten mussten. Eben echtes Hardcore-Gaming 😉
Also lasset das Tagebuch beginnen, das uns zurück in jene Zeit um den April 1999 führt.

Der Beginn…

Die Umstände, die mich zu Everquest führten, sind schnell erzählt: Als grausamer Todesritter Lord Soth lebte ich etliche Monate in den Gefilden von Meridian 59, um dort ein beschauliches Leben als Player-Killer-verfolgender Hunter zu führen. Im Kreise meiner NightmareGildenbrüder führten ich so manche glorreiche Schlacht und ernteten Ruhm&Reichtum.

Doch irgendwann setzte der große Exodus ein: Viele geliebte Freunde und verhasste Feinde verließen meine Welt und setzten sich einer neuen Herausforderung aus: Everquest. Mehr oder weniger glückliche Umstände verschlugen wenig später auch meinen mächtigen Waffenbruder Rippi in die neue Welt Norrath und da wir in der Vergangenheit Glück als auch Leid miteinander teilten, war es keine Frage, dass ich ihm bald folgen würde.
 
Der erste Schritt in die Welt von Everquest war ohne Zweifel ein finanziell recht schmerzlicher: Es musste die Software besorgt werden, die anders als bei Meridian 59 nicht umsonst auf einer Cover CD prangte, sondern vielmehr für teures Geld erkauft werden wollte. Da ich mir sagen ließ, dass ein Versandhändler namens PC Fun dieses Spiel vertreiben würde, surfte ich also mal dessen Seite an und bestellte mir für fast schon unverschämte 120 DM (plus Porto!) das Teil online (in den USA kostet das gleiche Produkt übrigens nur 40-45$).
 
Überrascht durfte ich bereits am nächsten Tag feststellen, dass bei mir der Postbote 3x klingelte und ich ein Päckchen in die Hand gedrückt bekam, welches eine selten schöne Packung mit toller Landkarte und einem schönen Handbuch enthielt. Da man naaaatürlich neugieriger Natur ist, war der nächstfolgende Druck zum Power Knopf des Computers eine logische Konsequenz und als dann das alte Win95 dann endlich hochgefahren war, ging es ans installieren.

Tag 1

Mein erster Schritt war das EQ Tutorial, welches mir schon recht gute Tipps gab und mir einen ersten Eindruck der genialen Grafik dieses Games vermittelte. Endlich im richtigen Spiel angekommen, durfte ich mir erst den eher schwächlichen Vorspann anschauen und dann ins Abenteuerleben einsteigen. Glücklicherweise hatte ich mir schon etwas Basiswissen auf den recht gut gemachten Mystics Seiten zu Everquest angeeignet, so dass ich der Meinung war, dass ein Monk genau die richtige Einsteigerklasse für Anfänger sein müsse.

So gewappnet erwartete mich also die Serverauswahlliste von Everquest, welche mich doch ziemlich überraschte: So auf den ersten Blick zählte ich weit über ein Dutzend Server, die fast alle über 1000 Mitspieler hatten… eine stattliche Anzahl, wenn man sie mal mit den spärlichen Besucherzahlen von 20-30 Spielern auf Server 117 der meridianischen Welt verglich. Da sich Rippi scheinbar für eine Laufbahn der beinharten Art entschieden hatte – sprich: gleich zu Anfang PvP, mußte ich mich notgedrungen auch für den PvP Server (den übrigens einzigen in der Auswahlliste) entscheiden: Rallos Zek. Und dann erschien endlich der Auswahlscreen für meinen Charakter:

Leider gefiel mir schon gleich zu Anfang nicht, dass ich meinen geliebten Lord Soth als Namen nicht weiter benutzen durfte, da EQ leider keine zweiteilige Namen unterstützt…. Tja, Pech gehabt… Ich entschied mich also wie gesagt für den Mönch, wählte ein schickes Gesicht und verteilte willkürlich die Bonuspunkte auf meinen Charaktereigenschaften. Dann wählte ich noch die Gottheit und den Anfangsort und begann als „Patryn“ ein völlig neues Leben.

Als ich schließlich in der Menschenstadt Freeport ankam, irrte ich erst ein Mal durch die Stadt und versuchte die Geschehnisse um mich herum zu begreifen.

EQ1

Stunde 0 in Everquest: Der Verzweiflung nahe.

Da liefen haufenweise Charaktere im Eiltempo an mir vorbei… es gab zum einen Typen mit blauen Namen, die man sofort als NPC’s enttarnen konnte und zum anderen rot gefärbte Charaktere, die ich schon allein aufgrund ihrer Schnelligkeit als normale Spieler einstufte. Naja, was soll man jetzt also machen so einsam und allein. Irgendwann hatte ich mal gelesen, dass ich unbedingt meine Gilde aufsuchen sollte, um Ausrüstung und Erfahrungspunkte zu erlangen. Gesagt – getan!

Oder doch nicht? Zwar erwies sich die Gildenschriftrolle als recht aufschlussreich, da sie ungefähr beschrieb, wo meine Gilde sich befand, aber trotzdem irrte ich mindestens eine geschlagene Stunde umher, bis ich endlich auf den glorreichen Gedanken kam, mir mal die Anleitung zur Brust zu nehmen, auf der ja einige Stadtkarten abgebildet waren.

Letztendlich fand ich auch meine Gilde, gab die Rolle ab und war endlich ein vollwertiges Mitglied der bescheidenen Mönche (das Wort Bettelmönch möchte ich in diesem Zusammenhang bitte schön überhört haben!). Ausgerüstet mit Nahrung, Wasser und einem verwaschenen Hemd erblickte ich dann eine weitere Stunde später endlich den Ausgang der Stadt Freeport. Hier herrschte bereits reges Treiben! Ein großes Aufgebot an Ratten, Schlangen, Fledermäusen und riesigen Insekten wurde pausenlos von anderen Mitspielern dezimiert. Ich wollte natürlich nicht untätig rumstehen und dreschte auf das nächstbeste Monster ein. Und das ging meiner Meinung nach erstaunlich gut, so dass ich schon nach kurzer Zeit eine Meldung bekam, die mich mit Level 2 auswies. Zwischendurch hatten sich immer mal ein paar Werte wie „Hand zu Hand Kampf“ oder „Abwehr“ gesteigert und ich war frohen Mutes, dass ich in kürzester Zeit zu einem stattlichen Kämpfer heranwachsen würde.

Tag 2-5: Meridian oder Everquest?

Leider war ich auch sehr unachtsam und legte mich in den darauffolgenden Tagen desöfteren mit Monstern an, deren Einschätzung über die „C“ Taste eigentlich von einem Kampf abriet. Immer, wenn irgendetwas gelbes oder rotes als Meldung erschien, war eigentlich Vorsicht geboten – doch das darauf achtete ich wenig. Kein Wunder also, dass mein Mönch immer häufiger ins Gras biss und auch öfter mal die Bekanntschaft mit einem Player Killer machte.

Zu diesem Zeitpunkt war ich auch noch nicht sonderlich von den Qualitäten dieses Spiels überzeugt. Sicher, es bot eine Grafik, die man bis dato noch bei keinem anderen Onlinerollenspiel gesehen hatte. Vor allem die Lichteffekte der Zaubersprüche sind ein wahrer Augenschmaus und doch macht allein grafische Finesse natürlich noch kein gutes Spiel aus. Da mir vor allem die Gespräche fehlten, war die Aufteilung zwischen Meridian 59 und Everquest etwa 70:30. Die große Wende kam dann aber mit dem neuen M59 Update Dark Auspices, welches das Spiel eher schlechter als besser machte. Inzwischen bin ich deshalb in Meri so gut wie nicht mehr zu sehen und konzentriere mich lieber auf eine ruhmreiche Karriere in EQ 😉

Doch weiter im Text…
Irgendwann in Lvl 4 angekommen stellte ich fest, das mein Charakter zum einen weder die richtigen Startwerte hatte und zum anderen meine gesamten Trainingseinheiten, die ich in den „1 HandBlunt“ gesteckt hatte, völlig fehl investiert gewesen waren. Immerhin hatte ich schon ein wenig Geld und vor allem schon etwas an Erfahrung gesammelt. Ich hatte herausgefunden, welche die leichteren&schwierigeren Monster waren, wusste um lukrative Reagenzien und hatte mich grundlegend mit der Steuerung vertraut gemacht. Es wurde also Zeit, diesen Probecharakter beiseite zu lassen und sich um eine richtige Spielfigur zu kümmern. Die entscheidende Frage war: Wieder Mönch oder doch ein Magier? Letztendlich schwing das Pendel doch in Richtung Mönch und das aus zwei Gründen:

a) Ich kannte den Mönch schon recht gut
b) Da Mönche wenig Ausrüstung brauchen und Magier teure Spells kaufen müssen, ist dieser Charakter der ideale Kontofüller, mit dem man später einen Zauberer finanzieren kann.

Diesmal jedoch informierte ich mich auf diversen Seiten, druckte mir etliche Texte aus und verteile dann schließlich die Charakterwerte so, dass sie mich auch weiterbrachten. Diesmal wählte ich keine Gottheit und gab meiner neuen Schöpfung den Namen Sentenca. Zur Abwechslung landete ich diesmal in Quenos. Diese Stadt war, obwohl ich sie vorher noch nie gesehen hatte, sehr viel einfacher aufgebaut und es dauerte nicht lange, bis ich den Standort der Bank, der hiesigen Monk Gilde und des Ausgangstores gefunden und gemerkt hatte.
EQ10

Das alte Everquest-Interface war etwas starr und beengt, besaß aber Charme.

Hier versuchte ich dann mein Glück wieder an zahlreichen Monstern, die im großen und ganzen denen glichen, die ich schon vor Freeport erlegt hatte. Ich muss zugeben, dass es schon ein Weilchen dauerte, bis ich wieder auf Level 4 angelangt war, aber die Mühe war es wert: Neben den besseren Werten auf AC, ATTACK und HPs war mein Kontostand im gleichen Maße beträchtlich angestiegen und ein Zustand des Wagemutes überkam mich:

Warum nicht mal in eine Nebenkarte schlendern, um dort für stärkere Monster auch mehr EXPs zu bekommen? Also machte ich mich auf, um die zu besuchen – ein fataler Fehler!
Viele die etwas stärkeren Monster waren mir hier überlegen und so endeten einige Versuche mit dem Gesicht im Gras. Das schlimmste dabei war vor allem die endlose Größe der Gegend, die ich ohne Kompass und Landkarte kaum überblicken konnte. So manches Mal geriet deshalb die Suche nach meinem Körper zu einer „Unendlichen Geschichte“. Trotzdem gab ich natürlich nicht auf und so durfte ich mich dann doch irgendwann über mein siebtes Level freuen.

[Fortsetzung folgt nächsten Mittwoch]

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