Everquest-Retro-Tagebuch: Tage 15 bis 25

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Leider einen Tag später als sonst, aber ihr wisst ja: Real Life geht vor. Ist sowieso mein Lieblingsspruch aus früheren MMORPG-Tagen: Wenn einer nicht zum Raid kommen konnte —  Kein Thema! Real Life geht vor. Wenn einer keiner Zeit hatte, bei einer Quest zu helfen – No problem! Real Life geht vor. Jaja, darin waren sich alle einig.
Doch wehe, die Gilde erreichte nicht die Ziele, die sich einige ehrgeizige Mitglieder gesteckt hatten. Dann hatten diejenigen mit viel Real Life plötzlich noch mehr Gelegenheit, sich dem wahren Leben zu widmen, weil sie auf einmal gildenlos waren. Keine Community ist eben so scheinheilig wie die der Online-Rollenspieler :)
Aber zurück zum Thema: Mein Mönch wird langsam an den Nagel gehängt, dafür arbeite ich die besonderen Vorzüge meiner neuen Wunschklasse heraus: Den Enchanter. Man muss wirklich sagen, dass diese Klasse sicherlich zu den besten Erfindungen in der Online-Rollenspiel-Welt zählt, aber auch nicht ganz einfach zu spielen ist.

Prolog

Früher, in sehr grauer Vorzeit (Leser meiner Mainseite wissen, dass ich Everquest bereits 1999 zum ersten Mal betrat), war das Geschäft mit dem Mob noch um einiges schwieriger und nervenaufreibender. Aber auch deutlich spannender: Selten konnte mich ein Spiel zu solchen Wutausbrüchen treiben wie dieses, kaum ein anderes Spiel erzeugte aber auch derartige Glücksmomente.
Bei Everquest lagen Freud’ und Leid’ also schon immer eng beinander und all dies verarbeitete ich Beizeiten in einem Tagebuch, das ich im Zuge meiner Account-Reaktivierung in mehreren Teilen präsentieren möchte.
Anzumerken wäre vor der folgenden Lektüre noch, dass es zwischen dem Everquest von damals und jenem, das den Spielern heute zur Verfügung steht, doch deutliche Unterschiede gibt. So gab es für manche Klassen in der Regel keine Möglichkeit, aus verwinkelten Dungeons zu entkommen, wenn man sie sich einmal in diesen verlaufen hatte. Da half dann meist nur, sich dem Tod zu übergeben. Dumm nur, dass damit sämtliche Ausrüstung futsch war – die lag nämlich bei der Leiche.
Inzwischen hat Everquest mehrere Stufen durchlaufen: Während es einige Zeit so war, dass man bis zum einem bestimmten Level (die ersten zehn?) seine Ausrüstung trotz Tod behielt, ist es mittlerweile so, dass das Equipment gar nicht mehr bei der Leiche verbleibt – ein Umstand, der vor 10 Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Doch nun lasset das Tagebuch beginnen, das uns zurück in jene Zeit um den April 1999 führt.

Tag 15-20

Also ich muss zugeben, dass ich Everquest in der folgenden Woche nicht sonderlich oft gespielt habe. Das lag zum einen daran, dass Meridian 59 durch einen kleinen Krieg meiner Gilde wieder etwas interessanter wurde und zum anderen daran, dass meine Erfahrungspunkte-Anzeige nicht mehr steigen wollte.
Das Ganze war ein ständiges Hin und Her – paar Monster gekillt, TOT, paar Monster gekillt, TOT usw. — im Endeffekt war ich selbst nach mehreren Stunden Spielzeit nicht viel weiter, als vorher. Besonders die erste Blase in Level 9 wollte ihre Übergangslinie partout nicht überschreiten. Da ich aber unbedingt Lvl 10 erreichen wollte, um meinen neuen Char zu beginnen (bitte sucht hierin nicht die Logik) versuchte ich am darauffolgenden Sonntag mit aller Gewalt dieses Ziel zu erreichen – und ich muss zugeben: ICH WÄRE FAST VERRÜCKT GEWORDEN.
Besonders lustig war mein kurzer Ausflug in die Abwasserkanäle der Stadt Qeynos. Durch einen Brunnen gelangte ich in das unterirdische System, welches allem Anschein nach die Gilde der Diebe beinhaltet. Die dort angesiedelten Monster waren fast allesamt unter der Kategorie „Kurios“ abzuheften. Lustige Froschmenschen, gallertartige Würfel und sogar mehrere besoffene NPC Bettler trieben dort ihr Unwesen und obwohl die meisten dieser Gegner für mich im Consider-Befehl als „Blau“ erschienen, traute ich mich nicht anzugreifen. Naja, man weiß ja nie, ob man seine Ausrüstung nochmal wiederfindet und an diesem Tag war ich wahrlich schon oft genug krepiert.
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Herrlich: Ein Mob als Gelee-Kern. Nur eine von vielen schrägen Monster-Designs in Everquest

Das einzig wirkliche Problem, das ich in diesen Moment hatte war: WIE in 3 Teufels Namen komme ich hier wieder raus? Selbst die Abwasserkanäle sind in EQ ziemlich groß und so verlief ich mich andauernd. Statt den Ort zu verlassen, drang ich immer tiefer in die unterirdischen Gewölbe ein. Bis jetzt hatte noch immer die Neugier gesiegt, die meine Gedanken vor möglichen Gefahren ablenkte, doch als ich plötzlich auf zwei Spieler traf, die beide für mich „Grabstein-Rot“ waren, wurde mir schon etwas mulmig zumute. Schließlich gab es hier unten so gut wie keine Wachen.
Tja und dann wurde mich NOCH mulmiger, denn die beiden schauten sich nacheinander meine Ausrüstung an… Geschockt von diesem offensichtlichen Interesse an meiner Person, verbeugte ich mich schnell vor den beiden Herren und rannte wie von Furien gejagt den Weg zurück, den ich vorher gekommen war. Und wie durch ein Wunder fand ich kurz darauf sogar den Ausgang aus den Sewers! Zwar kam ich nicht an dem Ort heraus, an dem ich rein gesprungen war – aber who cares 😉
Geschlagene 9 Stunden hat es gebraucht, bis ich endlich im zweistelligen Level-Bereich ankam. Aber ob sich das gelohnt hat, ist eine andere Frage. Neben einer nörgelnden Freundin, die natürlich nicht begreifen kann, wieso man so lange an einem Spiel verbringt (zugegeben: so richtig kann ich’s auch net begreifen *g*), hat man ja auch noch die Telekom zu bezahlen. Naja alles in allem konnte ich mich jedenfalls über Level 10 nicht sonderlich freuen. Trotzdem war es ein beruhigendes Gefühl, endlich sein Ziel erreicht zu haben und jetzt mit einem völlig neuen Charakter (endlich mal Zaubern *froi*) die Welt unsicher zu machen. Fragt sich nur, unter welchem Namen? Soth war ja leider schon belegt, Lord Soth geht eh nicht und Sothi? Nun ja, mal sehen.
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In Ordnung, der Rechte, also dieser Hydroblablub sieht reichlich harmlos aus, aber der Linke. Vor dem hatte ich Schiss!

Die Tatsache, dass mein Monk nun endlich vollendet war, beflügelte mich die darauffolgenden Spieltage so ungemein, dass ich im Eiltempo einen neuen Charakter aus dem Boden stampfte:
Den ENCHANTER

Tag 21-25

Es ist EINE Sache, wenn man ein Spiel anfängt, ein paar Wochen zur Probe mit irgendeiner Figur rumspielt und diesen dann zur Seite legt, wenn man keine Lust mehr hat.
Es ist aber eine ANDERE Sache, wenn man diese Probephase hinter sich hat und nun endlich seinen richtigen Charakter anfangen möchte, der ja später auch mal in Level 50 die Gegend unsicher machen soll.
Und genau aus diesem Grund ist es hierbei von allgrößter Wichtigkeit, sich genau darüber zu informieren, welche Klasse/Rasse für einen selbst die richtige ist. Was hilft’s nämlich, wenn man in Level 20 feststellt: Mensch, das ist doch eigentlich ein scheiß Charakter!“ und dann drei oder vier Wochen in den Sand gesetzt hat???
Deshalb nutzte ich erst mal meine Zeit, um ausgiebig im Internet verschiedene deutsche und englische Homepages zu durchforsten, jede Klasse und Rasse genau zu durchleuchten und dann schließlich alles Relevante auszudrucken. Im Endeffekt kam ich zu folgenden Ergebnis. Wer gerne Mainstream ist und einen möglichst starken Charakter haben möchte (so wie die meisten), der wählt sich einfach einen Wizard und bombt alles weg. Wer jedoch (so wie ich) zu den Leuten gehört, die nicht genau das machen wollen, was alle anderen machen – tja, für den gibt es eine Klasse, die auf jeden Fall in Betracht gezogen werden sollte: Den Enchanter!
Und genau auf diesen Charakter fiel meine Wahl. Im Gegensatz zu den anderen 3 reinen Magieklassen besitzt dieser Meister der Illusionen und Verzauberungen nämlich nicht nur Angriffszauber, sondern auch wirklich nützliche und witzige Hilfssprüche, die das Spielen mit diesem Charakter wirklich zum Spaß werden lassen. Hier mal ein paar Anwendungsmöglichkeiten des Enchanters:

Meister der Illusionen

KEIN anderer versteht es so gut wie er, sich in verschiedene Formen zu verwandeln und damit seine Gegner zu übertölpeln.
Euch ist ein schlimmer Playerkiller auf den Fersen? Kein Sorge, einfach um die nächste Ecke gebogen, ein Formwandelspruch für Gegenstände gezaubert und schon hängen wir als unscheinbare Fackel an der Wand.
Die bösen menschlichen NPC´s hassen deine Rasse und möchten dir im Geschäft nichts oder nur sehr teuer etwas verkaufen? Kein Problem, der Human Verwandlungszauber lässt uns als einen Vertreter der menschlichen Rasse erscheinen, der uns bei dem Händler Tor&Tür öffnet.

Meister des Gruppenkampfes

Enchanter sind beliebte Gäste in Gruppen. Zwar beherrschen sie nicht solche bombastischen Nuke-Spells wie die Wizards und auch das Illusions-Pet ist nicht gerade so stark wie das der Magier oder Necromanten, doch auf dem Gebiet des indirekten Kampfes gibt es keine bessere Klasse! Ob Schwächungszauber, die ein superstarkes Monster wie eine Maus aussehen lassen oder Ablenkungsmagie, die große Trains und übermächtige Gegner plötzlich hypnotisieren: Der Enchanter kann seiner Gruppe das Leben so leicht machen, dass es vor EXPs nur so hagelt 😉

Meister der Magic Items

Leute, die mit dem Enchanter nicht zurecht kommen, weil er auf den ersten Blick keine aggressiven Kampf-Sprüche beherrscht, spielen trotzdem nebenbei diese Klasse und zwar nur aus einem einzigen Grund: Dem Erstellen von magischen Schmuck!
Magic Items werden vom Enchanter mit Hilfe von verzauberten Silber, Gold, Electrum oder Platin Barren hergestellt. Dazu kommt noch ein Edelstein und wenn der Zauber klappt, hat man schwups schon einen magischen Ring oder sonst was, dás man gewinnbringend verkaufen oder selbst anziehen kann.

Meister des Fun

Ja, hört sich zwar blöde an, aber mit dem Enchanter hat man den meisten Fun/Spell Faktor. Die Zaubersprüche, die man teilweise bekommt, unterscheiden sich recht stark von den normalen Kampfzaubern der anderen Magier. So kriegt man in Level 8 z.B. einen Spell namens „Bind Sight“ (mein momentaner Favorit). Dieser bewirkt, dass man mit den Augen seines Zieles sieht und zwar permanent und das Opfer merkt noch nicht mal was davon. Wenn dieser jetzt irgendwo hinläuft, ist man praktisch wie mit einer Kamera am Geschehen dran. Aber auch viele der Verwandlungszauber sind wirklich goldig: Die Verwandlung zu einem Gnom etwa sieht wirklich putzig aus :)
Aber nun genug der Lobeshymnen auf den Enchanter. Ob der nämlich wirklich soooo toll ist, könnt ihr im nächsten Tagebuchabschnitt lesen.

[Fortsetzung folgt nächsten Mittwoch]

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