Rückkehr nach Everquest

Everquest

Wer sich schon mal auf sothi.de ein wenig umgeschaut hat, wird vielleicht festgestellt haben, dass das Spiel Everquest (nicht zu verwechseln mit dem Nachfolger Everquest 2) einen nicht zu unterschätzenden Teil meiner virtuellen Lebenszeit für sich in Anspruch genommen hat — in der Gesamtzeit kommt kein anderes MMORPG oder gar Offlinegame an EQ 1 heran. Den Begriff Gesamtzeit betone ich deshalb, weil es zugleich auch kein anderes Produkt gab, das ich so oft gelangweilt/entnervt aufgegeben und irgendwann voller Enthusiasmus doch wieder begonnen habe. Man könnte also behaupten, ich bin ein Everquest Etappenspieler. Spinnt man diesen Gedanken weiter, stellt sich demnach nur folgende Frage: Befinde ich mich derzeit in oder zwischen einer Everquest Etappe? Die Antwort: Ich mache Norrath wieder unsicher! *strike*

Von Age of Conan zu Everquest

Eifrige Leser dieses Blogs stellen sich nun zu recht die Frage, wie man von der Gildenleitung einer Age of Conan Gilde plötzlich in einem Online-Rollenspiel landet, das mittlerweile fast 10 Jahre auf dem Buckel und seine besten Tage prinzipiell hinter sich gelassen hat. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müsste ich ausholen und auf die Unzulänglichkeiten von Funcoms AoC eingehen, aber das hebe ich mir lieber für einen späteren Artikel auf.

Gehen wir stattdessen einfach mal ganz banal davon aus, dass Age of Conan keinen Spaß mehr macht und man deshalb besonders anfällig für Werbeaktionen ist, die beispielsweise per E-Mail reinflattern. Da hatte also Sony eine Aktion namens “Living Legacy”: Alte Charakter können für lau einen Monat lang reaktiviert werden. Außerdem gibt es alle Add Ons kostenlos obendrauf. Und damit man den Anschluss an den harten Kern der Community einigermaßen schnell wieder findet, gibt es noch einen Sack mit jeder Menge kostbarer Ausrüstungsgegenstände dazu.

So weit, so gut, doch für einen Neubeginn trotzdem nicht Anreiz genug. Man muss sich immer vor Augen halten, dass Everquest mittlerweile das größte MMORPG ist, das sich da draußen finden lässt. Das Spiel ist bereits bei satten 14 Add Ons (im Herbst kommt die 15. Expansion namens Seeds of Destruction auf den Markt) angelangt, das bedeutet, dass jeder, der in EQ neu einsteigt, einen immensen Wissensstand einzuholen hat. Von der mittlerweile bei Level 80 liegenden Maximalstufe, den gut 2500 Advanced Abilities-Punkten und der Ausrüstungsproblematik einmal ganz abgesehen.

Ergo lohnt sich der Einstieg nur, wenn man entweder auf einem komplett neuen Server beginnt, auf dem alle bei null starten (das hatte ich vor gut zwei Jahren auf den so genannten Progression Servern hinter mir) oder man das unverschämte Glück hat, einen verschollen geglaubten Charakter aus den tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus wieder auszugraben. Letzteres war bei mir der Fall: Sothi, mein Level 65 Barbaren Beastlord, den ich zuletzt irgendwann 2003 eingemottet hatte, fand auf mystische Weise seinen Weg zurück in meine Arme und ebnete damit die Wiederaufnahme meiner Everquest-Karriere auf dem Euro-Server Antonius Bayle.

Zero to Hero in Null komma nix

Leider muss man dem Thema noch hinzufügen, dass ein lvl 65 Charakter mit rund 25 AA-Points und Luclin-Ausrüstung im Zeitalter von Secrets of Faydwer als nicht mal mehr “ganz passabel” zu bezeichnen ist. Wer also erwägt, eine ernsthafte EQ-Laufbahn einzuschlagen, sollte sich schon mal darauf gefasst machen, die nächsten Wochen Abend für Abend seine Zeit mit Monstern tot zu schlagen (Wortspiel *g*).

Wem das zu langweilig ist, sollte Abstand von dem Spiel nehmen, aber ich für meinen Teil muss wirklich sagen, dass ich die ganze Situation genieße. Das liegt vor allem darin begründet, dass die AA-Exps im Moment wirklich fließen. Mit lvl 65, einem Heiler im Rücken und großzügige Unterstützung von EQ-Urgestein Rippi ist man beispielsweise in Riwwi (derzeitige Hot Zone) ruck zuck mit 5 AA’s pro halber Stunde dabei. Kein Vergleich zu der Schinderei, die man noch zu Planes of Power-Zeiten für jeden Punkt zu betreiben hatte. Zur Orientierung: Gut 100 Punkte habe ich allein in den letzten 2 Wochen erspielt und das, obwohl ich nur unregelmäßig online bin und Abends selten mehr als eine Stunde Spielzeit in Norrath verbringe.

Ausufernde Gefechte

Es gibt aber noch einen Grund, warum mir das Monsterkloppen in EQ derzeit richtig Freude bereitet: Das Gefecht an sich. Wer es aus AoC gewohnt ist, dass ein Kampf selten länger als 20 Sekunden andauert und somit kaum Zeit bleibt, die vorhanden Fähigkeiten und die möglicher Zweitaccounts einzubringen, wird die guten alten Everquest-Fights zu schätzen wissen.

Hier dauert ein Kampf selten unter einer Minute und lässt sich durch allerlei Zaubersprüche, Fähigkeiten oder einfach nur durch schnelle Auffassungsgabe und Einschätzung der Situation bewältigen — selbst wenn der Kampf ursprünglich vielleicht aussichtslos erscheint. Und in welchem der neueren MMORPGs spielt es denn noch eine Rolle, ob man sich teleportieren, unsichtbar machen oder mittels einer Illusion unbehelligt durch feindliche Städte laufen kann? In den aktuelleren Vertretern der Zunft ist ja nicht mal ohne weiteres möglich, Personen außerhalb der eigenen Gruppe zu bluffen.

Schattenseiten

Trotz all der Lobhudelei der vorangegangen Zeiten hat Everquest natürlich mit seinem langjährigen Erbe und den damit verbundenen Nachteilen zu kämpfen — allen voran der grafische Stand, der zwar nicht grottenschlecht ist (und wenn man sich dran gewöhnt hat, sogar recht angenehm), aber in der heutigen Zeit keinen Teenager hinter dem TFT hervorlocken wird. In Zeiten, in denen ein World of Warcraft als unterstes Maß aller grafischen Dinge gilt, ist ein Everquest für viele einfach jenseits von Gut und Böse.

Gewöhnungsbedürftig sind nach heutigen Maßstäben auch Steuerung (Default-Einstellung: Steuerung über die Cursor-Tasten), Perspektive (First Person View und mit der Außenkamera lässt sich das Spiel effektiv nicht spielen) und die Tatsache, dass es beispielsweise nicht ersichtlich ist, ob ein DoT bereits ausgelaufen ist oder nicht — hierfür muss stets das Chatfenster im Auge behalten, das per Textmeldung Auskunft über solche Ereignisse gibt.

Wer mit solcherlei Widrigkeiten leben kann, wird mit einem großartigen Online-Rollenspiel belohnt, das auch heute noch seines gleichen sucht. Ich für meinen Teil habe erst einmal meine neue/alte Onlineheimat gefunden — fragt sich nur, wie lange mein Atem dieses Mal reicht :o)

PS: Während ich diesen Text hier online stelle, ist bereits ein weiterer Artikel zu Everquest in Produktion, der die Hintergründe und die Entwicklung des Spiels beleuchtet. Wer sich also für das Thema interessiert, sollte in den nächsten Tagen öfter hier vorbeischauen.
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