Horizons – Topp oder Flop?

In meiner Eigenschaft als selbsternannter (! *g*) MMORPG-Guru habe ich ja schon in vielen Online-RPGs wahre Horden an Monstern erlegt, stapelweise Waffen geschmiedet und mich als Händler mit zweifelhaften Ruf und noch zweifelhafterer Ware verdingt; doch was mir bei Horizons – Empire of Istaria geboten wurde, das zeigte selbst mir: auch, wenn ein Niveau noch so tief ist, es gibt immer ein Produkt, das diesen Rekord brechen kann.

Lest also hier meinen ultimativen Bericht über den neuesten (Aus-)Wurf im MMORPG-Sektor.

Ich hole mal weeeeeit aus: Als die Szene noch jung war gab es ein Spiel namens Meridian 59. Dieses Spiel war gut, nein, es war sogar sehr gut, doch nichts desto trotz waren seine Jahre gezählt, denn die jungen Wilden standen vor der Tür: Everquest, Shadowbane *prust* und… genau Horizons. Letzteres, und deshalb komme ich auf das Thema M59 zu sprechen, wurde damals sehr oft angeführt als die neue Hoffnung am MMORPG Himmel… ganz Heerscharen gelangweilter Meridian-Spieler wollten auswandern, denn das Spiel stand ja angeblich kurz vorm Release…

Nun – das war vor ca. 4 Jahren. Wirklich releast wurde damals eigentlich nur eins – unser allseits beliebtes Everquest. Nun kann man natürlich sagen, dass ein Produkt mit der Zeit höchstens besser, sprich reifer wird… Und da mag man recht haben, sofern es sich um einen guten Wein oder ranzigen Stinke-Käse handelt. Aber hier geht es um Software, deren Grafikengines von Jahr zu Jahr nicht besser, sondern im Vergleich gesehen immer pixeliger und textur- und polygon-ärmer werden. Trugschluss Nr. 1: „Je älter desto ausgereifter“ wäre damit also schon mal vom Tisch

Auf Trugschluss Nr. 2 hingegen wäre sogar ich hereingefallen, denn heißt es nicht so schön: umso älter ein Spiel, umso schneller läuft es auf aktueller Hardware? Aber nicht doch! Artifact Entertainment, also die, die HZ verbrochen haben, haben das schier Unmögliche geschafft: Während ich mich in der Lineage 2 Beta über weitläufige Areale mit einer Traumgrafik in hoher Auflösung völlig ruckelfrei bewege (Unreal Warfare Engine sei Dank!), bilden sich bei dem Bild, das Horizons bietet, wahre Tränensäcke unter den Augen. Nicht nur, dass die Einloggphase locker mal so lange dauert, wie Rudolf Scharping beim Aufsagen des ABCs benötigt, nein, das Bild, dass sich nach dem Einloggen auftut, haut den geneigten Spieler direkt vom Hocker. Und bitte keine falschen Hoffnungen: das war natürlich nicht im positiven Sinne gemeint! *g*

Was erblickt unser waches Auge also nach der ersten Einloggphase im Detail? Nun, ich gebe zu: das Charaktererstellen ist schon ne feine Sache und grafisch die beindruckenste Stelle im Spiel. Kenner werden wissen, was ich meine: die rasante Kamera-Fahrt durch diese museumsartige Gallery. Aber damit auch schon genug der Highlights, denn jetzt Erblicken wir zum ersten Male die Charaktermodelle – 4 Jahre nach Everquest classic, möchte ich an dieser Stelle anmerken. Tja, und was sieht man da? Katzenmenschen, die weniger einem der schmusigen Fellknäule, denn einem halb-gerupften Huhn gleichen, das die lückenbehafteten Stellen mit einer zusammengeschusterten Felltextur notdürftig zu kaschieren versucht. Halb-Riesen, deren Gesicht so deformiert ausschaut, dass man sich spontan fragt, ob der Erfinder des Begriffes „Hackfresse“ dieses Polygon-Monster vor seinem geistigen Auge gesehen haben mag? Eine weitere Innovation: erstmal gibt es ein MMORPG, in denen es möglich ist, eine Perücke zu tragen… oder sollte das etwa DOCH die Haarpracht darstellen? Nun, ich weiß es nicht – doch was ich ganz genau weiß: ein 5jähriger hätte die 3D-Modelle nicht besser entwerfen können – Respekt an diese Stümper!

Schlechte Grafik = schnelle Grafik? – aber nicht doch…

Wissen sie was Frames per Second sind? Diese Einheit, auch FPS benannt, ist maßgeblich dafür verantwortlich, wie schnell der Spieler die Grafik auf dem Bildschirm wahrnimmt, denn umso öfter sich ein Bild (pro Sekunde) aufbaut, umso flüssiger ist die Darstellung. Und haben Sie vielleicht eine Ahnung, wieviel FPS notwendig sind, um ein Spiel flüssig darzustellen? Nun, ich gebe Ihnen die Antwort: ab 25 FPS sollen Spiele einigermaßen spielbar sein, 30, 35 oder besser 40 FPS sind natürlich besser und für 3D Actionspiele können es oft gar nicht genug sein. Ok – soweit verstanden – gut, dann weiter im Text

Horizons freilich setzt als ausgezeichnetes Ausnahmeprodukt derlei Regeln spielend außer Kraft. Hier heißt das Motto: „Wenn schon schlechte Grafik, dann natürlich auch schlechte Performance – wir bleiben unserer Linie treu.“

Und so kommt es, dass man in gut besuchten Städten nicht mit 35 oder 25… nein mit 15, 10 oder auch mal 5 FPS durch die Gegend ruckelt und froh ist, wenn man die Stadt wieder fluchtartig verlassen darf. Ein besonderer Effekt, den es in dieser Form wohl auch nur bei der ausgezeichneten Horizons-Engine gibt, ist folgender: Kommt man in einen Pulk von mehreren Menschen, so hat man erst das Gefühl, von Dunkelelfen oder Dämonen umgeben zu sein: alle sehen aus, als wären sie in schwarze Mäntel gehüllt – es fehlt an jeglichen Texturen. Fast schon will man ausrufen „cool, ich hab einen Hort des Bösen entdeckt!“, als urplötzlich, wie ein lange aufgestauter Schub von hinten, die Texturen durch die Datenleitungen gerattert kommen und die ehemals schwarzen Genossen (hat nix mit übergelaufenen SPD-Mitgliedern zu tun! *g*) in die groteskesten Texturen der jüngeren MMORPG-Geschichte gekleidet werden. Plötzlich steht man inmitten einer Meute von Figuren, die genauso häßlich sind, wie man selbst – der coole Flair ist dann natürlich weg.

Sie müssen sich das wie folgt vorstellen: Im Weltraum gibt es unzählige Sterne, aber manche davon existieren bereits seit Jahrzehnten, ohne dass wir Menschen ihn sehen können. Wenn das Bild per Lichtgeschwindigkeit dann endlich bei uns eintrifft, ist der Stern schon ein alter Hut. Genauso verhält es sich bei HZ: Die Figuren existieren bereits – aber die Texturen brauchen halt etwas länger, um unseren Schritten zu folgen – in diesem Spiel werden also auch wissenschaftliche Aspekte berücksichtigt und umgesetzt *g*.

Grafik egal – hauptsache Gameplay stimmt?

Kommen wir mal weg von meinem Grafik-Tripp, sonst heißt es noch, dieser Sothi, der erliegt doch nur optischen Reizen und würdigt gar nicht, was unter der Hülle steckt! Und genau deshalb folgendes Beispiel:

Stellen Sie sich ein PvE-basiertes Spiel vor. Was PvE heißt? Ganz einfach: Player versus Environment – also das Kämpfen gegen Monster und nicht gegen andere Spieler (was PvP bedeutet). Was? Ihnen schwebt da schon ein Spiel vor Ihrem geistigen Auge vor? Nein?! Es ist tatsächlich Everquest – wie kommt denn das? Nun ja, wie auch immer: sie haben durchaus recht. Everquest ist nämlich das PvE Beispiel schlechthin.

Nun stellen Sie sich also Everquest vor, mit folgenden Voraussetzungen: schlechter Grafik, ständigem Geruckel, Obermonstern (die Named-Teile sind gemeint), die nichts, also absolut nichts, an Waffen/Rüstungen/Spells etc. droppen, keine Dungeons, ein Kampfsystem, bei dem Gruppen weniger EXPs bekommen als Solo-Spieler, immer die gleichen 20-Standartmonster in beliebigen Leveln und 5 Rüstungsgrafiken, die sich von Level 10 zu Level 50 nur in Ihrer Farbe unterscheiden. Was meinen Sie, um was es sich hierbei handelt? Nein, das sind nicht die ersten 150 in C++ verfassten Programmzeilen von Everquest aus dem Jahre ’95, sondern: Horizons – Empire of Istaria.

Und nein, sie haben sich nicht verhört: wir kämpfen in Horizons gegen Ober-Monster (Avatar of Pain, lvl 100 – wuhahaha hab ich Angst), die keinen echten Loot dabei haben. Wir kämpfen 15 Level lang gegen Maden, 50 Level lang gegen Untote und das nie in einem Dungeon (aber frische Luft ist ja gesund). Und da wir grade dabei sind: Natürlich (!) gibt es im gesamten Spiel keine einzige Waffe oder Rüstung, die von einem Monster als Beute fallen gelassen wurde. Oder denken sie vielleicht, Artifact Entertainment wäre so doof und gibt ihren Endbossen keinen Loot und läßt die lvl 5 Made mit ner tollen magischen Breitaxt rumlaufen… neeee nix da. Alles, was Sie im Spiel tragen können, ist von Spielerhand gemacht! Wie meinen? Sie hätten dann gar keinen Anreiz in dem Spiel überhaupt zu leveln? Wozu Endmonster in einem großen Kraftakt umbringen? Nun, das hat doch eindeutig positive Seiten: stellen sie sich vor, Lodizal hätte nie etwas an Loot dabei – die ärme Kröte wäre doch niemals mehr becampt, endlich hätte auch Otto-Normal-User die Möglichkeit, diese Viech mal zu killen – toll was *g*?

Crafting – die HZ-Innovation schlechthin

Ich will es nicht verleugnen: wenn es ums Craften, als dem Basteln von Rüstungen, Waffen, Tränken und Zaubersprüchen geht, sieht es bei Everquest und Dark Age of Camelot sehr düster aus. Da wird auf primitivste Weise versucht, ein Element in das Spiel einzufügen, das sich unterm Strich nur für den Spiel-Betreiber lohnt, denn schließlich wird auf diese Art&Weise das Geld aus der Spieler-Ökonimie entzogen und die Inflation gestoppt.

Und hier setzt Horizons an: die Crafting-Berufe, die es in zahlreichen Variationen gibt (Werkzeugmacher, Waffenschmied, Rüstungsmacher, Weber, Erzabbauer, Bastler, Maurer – nur um einige zu nennen), machen durchaus Sinn und sind komplex in Szene gesetzt: Ohne Formel und Rohstoffe geht schon mal gar nix. Also heißt es: Formel finden/kaufen und Rohstoffe besorgen, indem man sich z. B. in einen Wald begibt und Holz hackt. Und Holz hacken geht nur… richtig, mit einer Holzhacke – die braucht man natürlich auch. Dann geht man mit dem ganzen Holz in Richtung Sägemühle… dort braucht man wieder das richtige Werkzeug, macht Bretter aus dem Rohmaterial… und begibt sich abermals zu einer anderen Maschine mit einem anderen Werkzeug und macht daraus das fertige Produkt. Hört sich komplex an? Ist es auch! Hört sich extrem spaßig an? Falsch gehört – es ist langweilig. Ja, sie haben richtig verstanden: es ist stinklangweilig. Stunden um Stunden wird hier das Gleiche gemacht: Rohestoffe ernten, verarbeiten und wieder von vorne. Und das 100 Level lang. Nur hartgesottene Naturen, denen das Leben nichts anderes mehr zu bieten hat, können das länger als 2 Stunden am Stück aushalten. Aber, und das gebe ich zu, es macht mehr Spaß als bei anderen Spielen – was immer das auch letztlich heißen mag.

Sothi’s Fazit

Nun, wie Sie wissen, habe ich die Beta gespielt. Nach ca. 2 Wochen des Ausprobierens wurde mir eines klar: dieses Spiel hat nichts zu bieten, was auch nur ein klein wenig nach Spielspaß aussieht. Trotzdem, wider besseren Wissens!, hab ich mir die Release-Version gekauft, immer in der Hoffnung, dass in der fertigen Version auch ein fertiges Spiel steckt. Tja… da kannte ich AE ziemlich schlecht: das, was ein HZ-Käufer in der Packung liegen hatte, müssen 1:1 die beiden CDs gewesen sein, die man auch für die Beta-Installation benutzt hat – nur mit anderem Aufdruck. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sich das „fertige“ Spiel vom „unfertigen“ in keinster Weise unterschieden hat.

Die Konsequenz ist bitter, wenn auch die einzig Richtige: das Spiel hat es nicht verdient, über den Freimonat hinaus verlängert zu werden. Zu gravierend sind die Mängel (auf die echten Bugs bin ich hier übrigens noch gar nicht zu sprechen gekommen), zu viel fehlt vom Content – zu langweilig ist das ganze Spiel in sich. Wer was anderes behauptet hat entweder noch nie ein MMORPG gespielt oder trägt eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten am Oberarm. Ich hätte den Bericht gerne mit weniger Zynismus und Ironie geschrieben – aber bei solchen Produkten ist das manchmal das letzte Mittel, um nicht ganz dem Wahnsinn zu verfallen *g*.

In diesem Sinne,

Ihr „dem wahnsinn naher“ Sothi

PS: In Sachen Grafik möchte ich noch anmerken, dass HZ durchaus auch positive Seiten hat. Die Umgebungsgrafik ist nämlich mit ihren tollen Gebirgszügen, blühenden Landschaften und einem genial dargstellten Himmel doch recht schön geraten. Das alles hilft aber trotzdem nix, wenn der Avatar und die dazugehörigen Items primitiv aussehen, denn schließlich verkörpert man in einem Rollenspiel nicht die Landschaft, sondern seine Spielfigur. Außerdem: die Performance ist trotz allem viel zu schlecht – da sollten sich die Programmierer mal ein Beispiel an Asherons Call 2 nehmen.

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